29.11.09
Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, galt bislang als freundlicher Unterstützer des neuen "Integrations- und Diversitätskonzepts", das die grüne Integrationsdezernentin Dr. Eskandari-Grünberg Anfang Oktober vorgelegt hat. Doch ausgerechnet Herr Kaehlbrandt hat nun in einem Zeitungsinterview auf einige Schwachpunkte des Konzepts hingewiesen, die im Laufe der weiteren Diskussion von Bedeutung sein werden.
Der Vorstandsvorsitzende kann zum Beispiel den von der Dezernentin so heftig betonten Unterschied zwischen dem alten, an der Realität gescheiterten Konzept der "multikulturellen Gesellschaft" und der "transnationalen Gesellschaft", die in dem neuen Konzept propagiert wird, "noch nicht fassen". Das liegt aber nicht etwa an mangelnder Auffassungsgabe von Herrn Kaehlbrandt, sondern schlicht daran, dass dieser Unterschied nur eine bislang nicht schlüssig begründete Behauptung ist. Und vieles deutet darauf hin: es wird auch eine Behauptung bleiben.
Noch brisanter sind Herrn Kaehlbrandts Feststellungen: "Ich finde die Studie etwas geschichtslos" und "Wir sollten nicht das Transnationale gegen das Traditionelle setzen". Es mag dem Vorstandsvorsitzenden bei diesen berechtigten Einwänden noch gar nicht bewusst sein, wie fundamental er damit Geist und Zielvorstellung des neuen Konzepts in Frage stellt. Und wenn er an einer weiteren Stelle des Interviews den französischen Philosophen Blaise Pascal wie folgt zitiert: "Einheit ohne Vielfalt ist Tyrannei, Vielfalt ohne Einheit ist Beliebigkeit", dann versetzt er - sicher ungewollt, aber intellektuell redlich - mit dieser klugen Einsicht eines großen Denkers dem Konzept der grünen Dezernentin einen empfindlichen Schlag, der auch prompt Wirkung zeigte.
Denn Dr. Eskandari-Grünberg reagierte schon einen Tag später in einem Interview gereizt und sieht das von ihr verantwortete Konzept Missverständnissen ausgesetzt. "Ein bisschen unfair", so die Dezernentin, seien einige der von Herrn Kaehlbrandt angeführten Kritikpunkte. Und die Politikerin macht eine überraschende Aussage: "Wir brauchen eine gemeinsame Leitkultur". Überraschend deshalb, weil diese Aussage in direktem Widerspruch zu Geist und Argumentation des neuen Konzepts steht. Allerdings soll es diese "gemeinsame Leitkultur", so ist die Dezernentin zu verstehen, derzeit noch gar nicht geben, sondern über "Vernetzungen" verschiedener städtischer Milieus erst hergestellt werden - wann und wie auch immer.
Es ist schon sehr bemerkenswert, dass ein Mitglied des Magistrats der geschichtsreichen Kulturmetropole Frankfurt deren deutsch geprägte europäisch-westliche Leitkultur noch nicht für ausgereift genug hält, um bereits jetzt ausreichenden Integrationsanreiz und Integrationsangebot für Einwanderer zu bieten. Es mag jedoch die große Zahl jener Einwanderer als tröstlich gelten, die Frankfurts und Deutschlands real existierende Leitkultur ganz anders einschätzen und zu schätzen wissen. Roland Kaehlbrandts noch mit allerlei Lob verbundene Beanstandungen zentraler Punkte des neuen Konzepts sind erst der Auftakt einer kritischen Beschäftigung, zu der die Fraktion der Freien Wähler im kommenden Jahr 2010 einen ausführlichen Beitrag leisten wird.
PRESSEMITTEILUNG 80/2009
Frankfurt/Main, 29. November 2009
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